Bildsucht

Magazin für Filmkritik

„Backrooms“ und das kastenförmige Leben

Vor Backrooms gab es das Cubicle Movie. Filme wie Office Space, die fast ausschließlich in grauen, sorgsam abgegrenzten Bürolandschaften spielen; mit Figuren, die in Arbeitsgehegen unglücklich auf Bildschirme starren; die feststecken, das Gefühl aber nicht ganz greifen können. Die trost- und seelenlosen Bürokabinen geben schon lange Anlass zur filmischen Flucht: in American Beauty, Fight Club oder Matrix tauchen sie nur auf, um einen konkreten Ausgangspunkt der Flucht zu markieren. Sie stehen für das, was unser Held zurücklässt, ehe er sich durch seine Reise verwandelt; stehen für das Grau, nach dem alles andere Farbe bekommt. Die Bürolandschaften mit ihren Arbeitsparzellen stehen aber auch für einen historischen Moment: IT-Revolution, globale Märkte, das Ende des Kalten Krieges, der Siegeszug des Kapitalismus.

Büros sind Nichtorte. Nichtorte sind rein funktionell. Sie haben keine Geschichte. Das sind die Bahn- und Flughäfen. Die Fahrstühle und Treppenhäuser. Die baugleichen Fast-Food-Filialen mit dem baugleichen Fraß – umso ironischer ist die an Backrooms angelehnte Werbung des großen Ms. Der Nichtort ist nicht liminal. Der Nichtort funktioniert: eine gut besuchte Mall, ein viel frequentierter Bahnhof, ein geschäftiges Büro. Sobald diese Räume aber ihre erdachte Funktion verlieren, werden sie liminal: Eine verlassene Mall bei Nacht, ein menschenleerer Bahnhof, ein leeres Büro. Liminale Orte sind genauso geschichtslos wie die Nichtorte, aber sie erfüllen keinen Zweck mehr. Was bleibt, ist reine, sinnlose Infrastruktur.

Was bei Backrooms resoniert, ist nicht das prototypische Angstgefühl vor dem Fremden, das der Horrorfilm sonst bemüht, sondern im Gegenteil ein Wiedererkennen der Orte, vor denen man sich fürchtet; ein Wiedererkennen des Lebens, das man in ihnen lebt. Hier entsteht das Unheimliche: in der Realisation, dass es für diese Umgebungen keiner Dämonen bedarf. Was bei Backrooms nämlich auch resoniert, ist ein Unbehagen mit der Postmoderne und dem kastenförmigen Leben. Das Gefühl von einem Raum zum nächsten zu laufen, aber doch nicht voranzukommen. Backrooms sind die konsequente Fortsetzung des Neunzigerjahre-Kinos und seiner desillusionierten Weißhemden. Nur dieses Mal gibt es keine Flucht. Keine Antworten, außer der bitteren Erkenntnis, dass sich gar nicht so viel geändert hat.

Auf dieser Spur ist Backrooms unendlich faszinierend und visuell reich. Die Gefühle des Feststeckens und der Simulation zu kultivieren, wäre für mich der reizvollere Weg gewesen, statt kopfüber in die psychologischen Untiefen unserer Hauptfigur abzusteigen. Denn hier liegt, zumindest für mich, der Punkt dieser funktionslosen Nichtorte: Es gibt nichts zu sehen. Keine Monster. Keine Traumata. Keine Menschlichkeit. Nur verzerrte Abzüge. Sobald es jedoch psychologisch wird, zieht sich dieser Film zurück, wird privatistisch. Der Raum ist nicht mehr leer und das Unbezeichnete ist bezeichnet. Die gesellschaftspolitische Sprengkraft geht dadurch verloren.

Auch die Drei-Akt-Struktur und das dreimalige Betreten der Backrooms unter veränderten Vorzeichen hat etwas videospielartiges, das dem Phänomen nicht ganz gerecht wird. Denn es zwingt eine geniale Prämisse in ein Korsett der Konvention. Natürlich findet Parsons viele unheimliche Bilder von Gängen und Räumen. Und es ist eine großartige Leistung in diesem Alter so etwas abzuliefern. Ich wünschte nur, er hätte den Mut gehabt, uns voll und ganz in diese Hinterzimmer zu versenken. Als Mensch, allein mit sich und den gespenstischen Nichtorten, die er erdacht hat.

If you’re not careful and you noclip out of reality in the wrong areas, you’ll end up in the Backrooms, where it’s nothing but the stink of old moist carpet, the madness of mono-yellow, the endless background noise of fluorescent lights at maximum hum-buzz, and approximately six hundred million square miles of randomly segmented empty rooms to be trapped in – Ein anonymer User auf 4chan im fernen Jahr 2019


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