Die Masken des Tom Cruise – „Vanilla Sky“ von Cameron Crowe

Es gibt an Vanilla Sky sicherlich einiges zu kritisieren, nicht zuletzt den Umstand, dass er auf einer besseren filmischen Vorlage basiert. Doch wenn ich mich ganz auf den Film an sich einlasse, seine Produktionsgeschichte ausblende und ihn als singuläre Filmerfahrung bewerte, dann muss ich zugeben, immer wieder von ihm gefangen zu sein. Trotz dieses verrückten, angestrengten Lächelns von Tom Cruise mit diesem verrückten Leuchten in den Augen und trotz der lästigen Angewohnheit von Cameron Crowe, ausnahmslos jede Szene mit den abgehangendsten Gassenhauern (und ein paar guten Songs) zuzukleistern. Denn die Geschichte bleibt in ihrem Kern einfach toll und ist für das US-Remake fast 1:1 übernommen worden, manche Motive, wie die Parallelen zwischen Traum und Film, Hollywood als Traummaschine wurden sogar sinnigerweise vertieft. Selbst die unausstehliche Ansammlung von gutaussehenden, jungen Yuppies, allen voran Cruises Figur, lässt sich leichter ertragen, wenn man sie als reizvollen Kontrastpunkt zu den späteren, albtraumhaften Sequenzen versteht. So richtig unangenehm und fiebrig wird Vanilla Sky allerdings nie, noch am ehesten spielt Crowe die Horroranleihen in der Club- oder etwa in der Restaurant-Szene aus, die später von Nolan in seiner aseptischen Traumnovelle Inception „zitiert“ werden sollte. Traumfiguren, die sich ihrer eigenen Irrealität bewusst werden, da ist gruselig und faszinierend zugleich.
Die unwirklichen Qualitäten eines Eyes Wide Shut und die Untiefen, die dieser auch bei Cruise zu berühren bereit war, erreicht Crowe indes nicht. Crowe macht Musikvideos in Spielfilmlänge, das ist seine größte Stärke und seine größte Schwäche zugleich. Stark ist die Montage und die rotierende, bewegliche Kamera, schwach das Drehbuch, insbesondere wenn es darum geht, die spannende, Genre-sprengende Geschichte mit interessanten Figuren auszustatten. Das liegt auch in der Natur der Idee (Cruz als Idealbild), gilt jedoch für die ganze Bagage Sprüche-klopfender, Weisheiten verbreitender New Yorker, die von fast allen Beteiligten mit einer Spur von Wahnsinn gespielt werden (ich kam nicht umhin, mir Cruise und Lee die ganze Zeit als Roben-tragende Scientology-Buddies vorzustellen). Ironischerweise tragen die immer etwas entrückten, mal überdrehten, mal merkwürdig somnambulen Performances zur traumartigen Atmosphäre nur bei, wenngleich sie die Kontraste zwischen den glücklichen Rom-Com-Montagen (schlimm: unironisches sich-gegenseitig-malen) und den Albtraum-Passagen eher verwischen. In dieser Neuinterpretation ist einfach ALLES IMMER merkwürdig, ob die Leute nun glücklich sind oder in einer tiefen Lebenskrise stecken.
Das ändert aber nichts daran, dass ich immer wieder hängenbleibe, wenn Vanilla Sky in der Glotze läuft. Selbst das restlos auserzählende und alles erklärende, einigermaßen hässliche, vor einem künstlichen Vanillehimmel spielende Finale behält sich eine gewisse Faszination bei, die vielleicht auf der Drehbuchebene gar nicht intendiert war, die aber in den merkwürdig entrückten Schauspielleistungen jederzeit spürbar wird. Irgendetwas ist hier schräg, denke ich immerzu, und sehe mein Unbehagen in der entstellten Visage von Cruise auf gewisse Weise gespiegelt. Obwohl … eigentlich ist es nicht sein entstelltes Gesicht, auch nicht die prothetische, menschliche Züge auslöschende Gesichtsmaske, die mir nicht behagt, sondern die Maske, die Cruises Gesicht ist. Es ist sein Gesicht, wenn er „glücklich“ und „verliebt“ spielt, seine merkwürdige, amerikanisch-weiße Zahnreihe, die von angestrengter Euphorie entstellten Gesichtszüge. Hier ist die Maske, von der dieser Film eigentlich erzählt, in der sich das doppelte Spiel, die Identitätskrise eines Schauspielers ausdrückt, der auf Fernsehsofas den Verrückten „spielt“ oder eben nicht spielt. Hier liegt die eigentliche Faszination dieses Remakes, das dem Original auf dem Papier nicht viel hinzuzufügen weiß – bis auf Tom Cruise und seine Masken eben.
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