Bildsucht

Magazin für Filmkritik

Kranker Kapitalismus – „Rich Flu“ von Galder Gaztelu-Urrutia

Mary Elizabeth Winstead als Laura Palmer

Ich habe den Impuls, Filme wie diesen zu verteidigen. Denn bei allen Fehlern hat Rich Flu zumindest so etwas wie eine Haltung. Die lässt sich herunterbrechen auf: Reiche sind Scheiße, sterbt ihr Schweine und … ja, ne das war’s eigentlich auch schon. Darum befällt die Superreichen in dieser antikapitalistischen Rachefantasie von The Platform-Regisseur Galder Gaztelu-Urrutia aus ungeklärten Gründen eine neue Super-Grippe, die einen nach dem anderen dahinrafft – erst die Milliardäre, dann die Millionäre und so weiter. Denn Kapitalismus macht krank, versteht ihr?! Aus unerfindlichen Gründen hat man sich dazu entscheiden, die Titel-gebende Reichengrippe über eine Art Schwarzlicht-Glow der Zähne zu visualisieren, was sicherlich einiges an Meme-Potenzial birgt, dem Film aber eher schadet. Denn obwohl Rich Flu als Satire etikettiert ist, fällt es mir schwer, ihn auch als solche zu lesen. Dazu ist das alles – gerade in seiner zweiten Hälfte, in der sich der Film in seine invertierte Fluchtgeschichte verirrt – viel zu ernst und straight präsentiert.

Hier herrscht auch die größte tonale Schieflage vor: sobald Rich Flu nämlich zu einer Fluchtgeschichte wird, ist das keine Satire mehr, sondern reinrassiges Drama ohne jedes Augenzwinkern. Zugleich versetzt der Film die weißen, europäischen Hauptfiguren hier unironisch in die Lage der afrikanischen Mittelmeerflüchtlinge und eignet sich dadurch auf unangenehme Weise die realen Leiden von Flüchtlingen an. Denn wir sollen mit Laura Palmer (Mary Elizabeth Winstead) und ihrer Familie mitfühlen, wenn sie über das Mittelmeer schippern, von einer libyschen Küstenwache-Patrouille abgefangen werden, in einem Flüchtlingslager landen und dort um Lebensmittel und Sicherheit betteln müssen. Aber es hinterlässt schon einen bitteren Nachgeschmack, dass genau diese Schilderungen auf ganz reale Menschen in genau diesem Augenblick wirklich zutreffen und im Film mit vertauschten Rollen durchgespielt werden, damit wir mit den Europäern mitfühlen können. Zumal die ganze Flucht auch diegetisch arg konstruiert wirkt. Wenn in der Welt des Films keine Beispiele dafür präsentiert werden, dass sich auch Nichtreiche durch die Nähe zu Reichen anstecken können, ergibt die gezeigte Phobie der Menschen vor Laura und ihrem Reichtum keinen Sinn. Und selbst wenn Laura in ihrer Kommune in Barcelona nicht länger erwünscht ist, gibt es doch wohl genügend andere Fluchtziele als ausgerechnet Tansania am anderen Ende der Welt.

Aber Galder Gaztelu-Urrutia wollte wohl unbedingt eine Fluchtgeschichte unter veränderten Vorzeichen erzählen und damit ganz betroffen machen. Jetzt seht ihr mal, wie schlimm das alles ist, wenn es einem reichen Europäer (oder Amerikaner) passiert. Diejenigen, die die Märkte Afrikas mit Billigprodukten überschwemmen; die den größten Anteil an der Klimakatastrophe haben und damit Hauptreiber der eigentlichen Fluchtursachen sind, sollen mal am eigenen Leib spüren, wie es ist zu fliehen, alles zurückzulassen. Schon verstanden. Aber diese Entscheidung zündet fehl und füttert eher eine Form narzisstischen Betroffenheitskitschs statt auf die realweltlichen Probleme aufmerksam zu machen. Der langsame Wandel des Films, von der verquasselten Mediensatire zur elegischen, fast wortlosen Lost-Episode hat mir aber sehr gefallen. Überhaupt ist das zu gekonnt in Szene gesetzt und gespielt als dass man Rich Flu in eine Reihe mit Schrott-Satiren wie Saltburn stellen sollte. Dafür wartet Rich Flu dann doch mit zu vielen bescheuerten Einfällen auf, um sie ungerührt hinnehmen zu können.


Header: © Filmax