Prosa: Kreise

Prosa: Kreise

  • Beitrags-Autor:
  • Beitrags-Kommentare:0 Kommentare
  • Lesedauer:9 min Lesezeit

Es stank nach Urin hier unten.

Er stand am Bahnsteig und blickte starr in den dunklen U-Bahn-Tunnel hinein. Die Hände hatte er tief in seinen Jackentaschen vergraben. An einem anderen Bahnhof ertönte gerade eine Lautsprecherdurchsage, deren Inhalt durch die Entfernung nur noch als diffuse akustische Verzerrung zu ihm hinüberschwappte.

Seine Lider waren schwer. Am liebsten wäre er Hier und Jetzt eingeschlafen und erst Zuhause wieder erwacht. Er imaginierte sich unter die Kissen und Decken wohlig eingewickelt, dann vernahm er das Geräusch des einfahrenden Zuges. Er stieg ein, setzte sich alleine in eine Vier-Sitz-Nische und blickte aus dem Fenster.

Es war eine Angewohnheit vom Bus- und Zugfahren unentwegt aus dem Fenster blicken zu wollen, wenngleich es hier unten kaum mehr zu sehen gab als Wände und Dunkelheit. Man konnte höchstens fremde Menschen beobachten, indem man die Spiegelungen in der Fensterscheibe im Blick behielt. Diejenigen, die die Spiegelungen der Fenster betrachteten, erkannte man daran, dass ihr Blick ganz fest war. Ihre Augen rasten nicht rastlos von Blickpunkt zu Blickpunkt, sondern fixierten neugierig etwas im Innern des Abteils.

Auch er betrachtete die Spiegelungen in der Fensterscheibe. Und in der Spiegelung sah er einen Mann, der alt war. Der Mann bemerkte seine Blicke nicht, sondern saß müde auf seinem Platz und blickte ins Leere. Wie viele Fahrten er wohl schon hinter sich gebracht hatte, fragte er sich. Wie viele Morgen er mit der Bahn zur Arbeit hin – und Abends wieder heimgefahren war? Wie viele Zeitungen er hier drin wohl schon gelesen hatte? Wie viele Spiegelungen betrachtet? Er wusste nicht, warum er über diesen alten Mann nachdachte. Vielleicht war es eine äußerliche Auffälligkeit, eine visuelle Irritation, gleichwohl ihm auf den ersten, und auch auf den zweiten und dritten Blick nichts Besonderes an ihm auffiel. Der Mann trug eine schwarze Jacke aus einem dicken Material, das vielleicht Cord genannt wurde (aber damit kannte er sich nicht aus), und er trug schwarze Schuhe (aus Leder, das kannte er), die an den Spitzen ganz abgewetzt waren. Die Hose war hellbraun und ein bisschen zu groß, aber vielleicht trug man das in dem Alter so. Jedenfalls war an diesem Herren nichts ungewöhnliches. Er hatte große Ohren, weil diese ein Leben lang wuchsen (das hatte er einmal gelesen) und er war im Gesicht faltig und glatt rasiert. Die Haare, die grau waren, wurden unter einer Schiebermütze verborgen. Nur vereinzelte Strähnchen ragten an der Seite, zu den Ohren, heraus.

Wenn er die Spiegelung im Fenster ignorierte, blickte er in die Dunkelheit. Da waren hauptsächlich Rohrleitungen und Betonwände, die sich in grauen Schemen von der Dunkelheit absetzten. Die Tunnel des Untergrundverkehrs erschienen ihm plötzlich auf eine ganz profunde Art unwirklich. Ganz so als existierten sie gar nicht. Was außerhalb der Stationen geschah, außerhalb des Lichts, blieb ihm schließlich verborgen. Er vertraute darauf, dass er irgendwo ankommen würde, aber im Grunde war er …

… blind.

Er schaute auf seine Armbanduhr und bemerkte, dass sie stehengeblieben war. Er tippte einige Male darauf herum, aber der Zeiger regte sich nicht. Er runzelte die Stirn, gleichermaßen verwundert wie verärgert, schließlich war die Uhr noch keine Woche alt. Er versuchte nicht weiter daran zu denken und fixierte abermals durch das Fenster die Dunkelheit. Er war diese Route ohnehin schon so oft gefahren, dass er auch ohne die Uhr sicher sagen konnte, dass sie die Station jetzt erreichen mussten.

JETZT.

JETZT mussten die Bremsen der Bahn den hohen Ton auf den Gleisen verursachen.

JETZT mussten sie langsamer werden und die ersten Menschen sich zum Gehen bereit machen.

JETZT mussten die Lichter der Station beginnen ein schwaches Licht in den Tunnel zu werfen.

Aber es blieb dunkel. Und die Menschen, die sich zum Gehen aufmachten, waren nicht da. Stattdessen war er alleine mit dem alten Mann, der …

… er blickte sich um und suchte nach dem Mann, den er in der Spiegelung ganz gewiss ausgemacht hatte und fand doch …

… niemanden.

Er stand auf, ging einen Schritt in den Gang und blickte von dort in die angrenzenden Bahnabteile. Zuerst in das vorliegende, dann in das anschließende. Beide waren sie erleuchtet. Und beide waren sie leer. Vom alten Mann fehlte jede Spur. Er dachte einen Augenblick nach. Dann ging er in Richtung des vorliegenden Abteils.

Sicherlich gab es eine Erklärung für die Verspätung. Vielleicht waren sie aus irgendwelchen technischen Gründen langsamer gefahren. Oder er hatte nicht bemerkt, dass sie mit einiger Verspätung losgefahren waren, dachte er.

Er erreichte das vorliegende Abteil und musste erkennen, dass auch dieses leer war. Er spürte ein leises Unwohlsein in sich aufsteigen, das er so gut es ging zu ignorieren versuchte.

Auch das darauffolgende Abteil war leer.

Als er die Tür zur Fahrerkabine erreichte, klopfte er zweimal an.

„Entschuldigung?“, fragte er unsicher.

Darauf geschah nichts.

Er horchte einige Augenblicke in die Stille hinein, doch niemand antwortete ihm. Nur das monotone Schienengestotter erfüllte den Raum.

„Entschuldigung, ich habe eine Frage“, versuchte er es erneut. Und erneut folgte Stille.

Er klopfte ein weiteres Mal an. Und danach erneut. Und erneut.

Er versuchte durch die milchige Scheibe der Fahrertür auszumachen, was im Inneren vor sich ging, konnte aber keine Bewegungen ausmachen.

„Hallo?“

Als er erkannte, dass ihm wohl niemand antworten würde (entweder weil die Person ihn nicht hörte oder weil sie während der Fahrt nicht angesprochen werden wollte), drehte er um. Er ging durch die leeren Bahnabteile dahin, von wo er gekommen war. Und dort blieb er erneut stehen und blickte sich um. Da erkannte er, dass sich das Äußere des Abteils verändert hatte.

Statt des aseptischen Kunststoffbodens und der Edelstahlhalterungen war da plötzlich Holzfußboden. Und Messing an den Türgriffen; und überhaupt Türgriffe (!) wo doch zunächst gar keine waren, weil die Türen schon seit vielen Jahren vollautomatisch funktionierten!

Verwirrt blieb er stehen. Er dachte nach, beziehungsweise versuchte er es, aber es gelang ihm nicht. Sein Kopf war leer, die Augen fragend.

Er machte sich in die hinteren Abteile auf. Dort setzten sich die seltsamen Verwandlungen fort. Holz und Messing und Gepäckablagen. Fenster aus Glas und nicht aus Kunststoff. Polster auf den Sitzen, die zuvor ganz blank waren, damit man sie leichter reinigen konnte. Polster in weinrot, ganz ohne Risse, fast wie neu. Da war kein Graffiti auf ihnen und auch sonst keine Kritzelei. Das ganze Abteil war blitzeblank!

Er verließ das Abteil und eilte zum nächsten. Und hier war alles so. Alles so wie früher. Und auch der Geruch hatte sich verändert. Der Geruch war vollkommen anders. Keine feinen Restspuren stechenden Uringestanks sondern etwas Anderes, Wohlriechendes erfüllte das Innere des Abteils.

„Hallo?“, rief er in die Stille hinein.

„Hallo?“, fragte er erneut, aber ohne sich große Hoffnungen auf eine Erwiderung zu machen.

„Hallo“, klang es da hinter ihm. Er drehte sich um und sah plötzlich den alten Mann vor sich stehen, beziehungsweise einen Mann, den er ganz sicher als jenen alten Mann identifizieren konnte, den er vorhin beobachtet hatte – nur, dass dieser Mann vor ihm viel jünger ausschaute. Seine Ohren waren noch nicht so groß, die Schuhe nicht abgewetzt, der Blick kein bisschen glasig. Und er trug einen dunklen Oberlippenbart, der fein säuberlich getrimmt war.

Er betrachtete den Mann voll ungläubigen Entsetzens.

„Äh …“, brachte er hervor. Und „Wie …“, legte er noch nach.

Der Mann schmunzelte.

„Sie sollten sich mal selber im Spiegel sehen“, sagte der Mann und wies auf ihn. Und während er diese Aussage noch für einen unangebrachten, überraschenden Affront hielt, fasste er sich ins Gesicht und spürte, dass es anders war. Das Gesicht fühlte sich anders an! Die Haut fühlte sich anders an. Sie war (in Ermangelung eines besseren Wortes, das er suchte, aber nicht fand)… reiner.

„Was zum ….“, begann er.

Der Mann nickte freudig.

„Wir sind bald da. Haben Sie denn jemanden, der sie abholt? Sie müssten ja ganz schön winzig hier rauskommen, wenn ich Sie mir so ansehe.“

Er musterte ihn irritiert. Als der Mann das bemerkte, ergriff er erneut das Wort.

„Naja, noch zwanzig Jahre runter und sie werden hier als Säugling herausspazieren. Sie behalten ja immerhin ihr Gedächtnis. Das stelle ich mir schon recht interessant vor: im Kinderwagen durch die Gegend kutschieren, gefüttert werden, vor sich hin dösen, an Muttis Busen hängen – so lässt es sich wohl auch leben nehme ich an, nicht wahr?“, der Mann lachte daraufhin ausgelassen, „Ich bin da doch eher auf die Jugendjahre aus, wissen Sie.“

Er war so benommen vor Verwirrung, dass er kurz Angst hatte, er würde einfach so in sich zusammensacken. Stattdessen versuchte er sich erneut im Sprechen.

„Ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich habe keine Ahnung, was hier passiert. Ich … “, er fuhr sich durch das Gesicht, „wohin fahren wir denn überhaupt?“

Der Mann lächelte breit. „Wir fahren zurück! Durch die Zeit! Aber keine Angst, ich werde mich schon um Sie kümmern.“

Und als er etwas erwidern wollte, spürte er etwas, das sich wie ein Feuer in seinem Inneren anfühlte. Es war ein Brennen, ein fiebriges Brennen in seinen Gelenken und seinen Knorpeln, den Knochen, den Organen und in seinem Fleisch. Und er bemerkte, dass er kleiner wurde und dass er schrumpfte und schrumpfte und schrumpfte bis der Mann, der plötzlich so alt aussah wie er selbst, sich wie ein Titan über ihm aufbaute, seine großen Hände zu ihm hinabführte, ihn auflas und in den riesenhaften Armen langsam in den Schlaf wog.

Schreibe einen Kommentar