Meine erste Filmkritik, oder: Erinnerungen an die Flimmerkiste

Alle Filmkritiken, die ich je geschrieben habe, befinden sich in einem Ordner auf meinem PC. Momentan befinden sich dort 465 Textdateien zu mal kürzeren, mal längeren Filmkritiken, die fast alle irgendwann einmal veröffentlicht worden sind. Kürzlich sortierte ich diese Dateien in der Reihenfolge ihrer Erstellung, weil ich wissen wollte, welche die älteste Filmkritik ist, die ich von mir finden kann. Die Datei, die in der Auflistung ganz unten stand, datierte sich auf Oktober 2011. Das ist vierzehn Jahre her … damals war ich noch in der Schule und zermarterte mir den Kopf darüber, ob und wie ich das Mathe-Abi packen könnte. Merkel war noch Bundeskanzlerin. Das Internet noch Neuland. In dem Jahr hatten Filme wie Tree of Life oder Drive ihre Premiere.
Der Film, jedenfalls, zu dem ich diese älteste, von mir auffindbare Kritik geschrieben habe, war Titanic. Ausgerechnet Titanic. Was für ein schöner Zufall, dass gerade einer meiner ewigen Lieblingsfilme – einer jener Filme, der mich als Kind überhaupt erst mit der Bildsucht angesteckt hat – auch der erste Film sein sollte, über den ich je meine Gedanken niedergeschrieben habe. Als ich das Dokument öffnete, musste ich feststellen, dass es sich nicht um die übliche Filmkritik handelte, sondern eher um eine Erinnerung an diesen Film. Und ich stellte fest, dass ich den Text nie auf einem meiner Blogs veröffentlicht hatte. Das waren zu viele glückliche Fügungen, um sie ungerührt ignorieren zu können: ich darf also vorstellen, mein Neunzehnjähriges Ich über Titanic:
Ein Fernsehabend am 11. September 2011
„Ein kleiner Junge. Wochenende. Es ist kurz nach Sieben und er steht vor seinen Eltern auf um VHS zu schauen. Er reibt sich gähnend den Schlaf aus den Augen und springt aus seinem Bett. Die Müdigkeit weicht einem plötzlichen Anfall von Euphorie und der Junge macht sich voller Vorfreude auf den Weg ins Wohnzimmer. Er unterbricht seinen kurzen Spurt als er das Zimmer seiner Eltern erreicht. Für wenige Sekunden lugt er in das Innere des Zimmers hinein. Alles ruhig. Der Junge grinst. Schnell zum Ende des Flurs und hinein ins Glück. Langsamen Schrittes geht er auf das alte Röhren-Gerät zu. Die Bodendielen knarren immer ein wenig und wenn die Eltern jetzt wach würden, könnte er seinen VHS-Morgen vergessen. Schließlich erreicht er das große Film-Regal. Ihm fällt eine ganze Reihe schwarzer VHS-Kasetten ganz oben im Regal auf: Papa’s Erwachsenenfilme*. Selbst aufgenommen. Eine Verpackung sticht ihm aufgrund des grauen Äußeren sofort in die Augen. Und so entschließt der Junge für sich, dass die Zeit für seinen ersten Erwachsenenfilm gekommen war. Unter Zuhilfenahme der Sessel-Lehne und eines herausragenden Regal-Stücks erreicht er schließlich die oberste Stufe des Eichen-Regals. Er krallt sich triumphierend die VHS-Kassette und versucht die Hieroglyphen seines Vaters zu enträtseln. Nach wenigen Sekunden erkennt er was sein Vater in einer Mischung aus Schreib- und Druckschrift zu schreiben versuchte: „Titanic“.
Als der Junge älter wurde, entschloss er sich diesem Film nie wieder einer Sichtung zu unterziehen, zu schmerzlich wäre für ihn der Verlust einer solch nostalgischen Kindheitserinnerung. Eines Tages stößt er während des abendlichen Fernseh-Programms plötzlich auf Cameron’s Untergangs-Szenario und bleibt zunächst für wenige Minuten und skeptischen Blickes im Geschehen hängen. Sich an sein Versprechen erinnernd schaltet er schließlich doch um. „Explosiv“ läuft. Und der Titel ist Programm. Explosionen, Tommy Lee Jones, Jeff Bridges. Ganz nett, nicht sonderlich geistreich, aber unterhaltsam. Werbepause. Kurz zur 12-Stunden-Doku über den 11. September geschaltet. Hat man doch alles schon gesehen. Zurück zu „Explosiv“. Immer noch Werbung. Abermals wird umgeschaltet. Viel Schrott. Wenig Gutes. Wieder erscheint Cameron’s Untergangs-Ding. Was soll’s, nur für fünf Minuten. Wenige Minuten später ertappt er sich dabei, wie er die Fernbedienung zur Seite legt. Die Werbung müsste jetzt zu Ende sein. Aber schau dort: Billy Zane, von Overacting-Attacken geplagt. Herrlich. Zehn weitere Minuten vergehen. Die Beine werden hochgelegt. Optisch immer noch sehr ansprechend. Und die Inszenierung über jeden Zweifel erhaben. Ein moderner Klassiker. Zwanzig Minuten gehen dahin wie wenige Sekunden. Die spießige Mutter. Wunderbar bösartig. Der loyale Handlanger. Was’n Arsch. Fantastisch. Eine Liebesgeschichte, vor Kitsch triefend. Grandios. Erzählkino in Reinkultur. Die Stunden gehen dahin. Langeweile ist ein Fremdwort. Und plötzlich ist dieses spezielle Gefühl, irgendwo zwischen Nostalgie und kindlicher Faszination wieder da. Es trägt dich. Bis zum fulminanten Finale. Technisch herausragend. Nicht weiter eine Kindheitserinnerung.“
*Bei diesen „Erwachsenenfilmen“ handelt sich natürlich nicht um jene Titel, die anno dazumal hinter muffigen Samtvorhängen in den Hinterzimmern deutscher Videotheken lagerten und nur nach Vorzeigen eines Personalausweises ausgeliehen werden konnten, sondern schlicht und ergreifend um Filme mit einer FSK-Freigabe ab 12. Aber ich gebe zu, die Formulierung ist äußerst unglücklich, insbesondere mit dem Nachsatz „selbst aufgenommen“. Aber auch schön zu wissen, dass ich mal so unschuldig gewesen bin.



Nostalgisches Flimmern
Ich habe den Text so gelassen, wie ich ihn vorgefunden habe – inklusive aller Fehler. Ironischerweise verspüre ich heutzutage Nostalgie über diesen Text, der damals gleichsam nostalgisch zurückblickte. Eine Art Nostalgie-Inception. 2011 war noch eine Zeit des linearen Fernsehens, des Zappens, der Fernsehzeitungs-Lektüre, der DVD-Sammlungen und der (schon damals kränkelnden) Videotheken (Netflix sattelte erst 2007 auf Online-Streaming um, in Deutschland startete der Streaming-Anbieter erst sieben Jahre später). Dieser Text erinnert mich nicht nur an die VHS-Morgende meiner Kindheit, sondern auch an das unbekümmerte Fernsehschauen der Prä-Streaming-Zeit.
Es erinnert mich an all die unverhofften Perlen, die einem damals im Nachtprogramm irgendeines Spartensenders begegnen konnten. Auf diese Weise entdeckte ich Sofia Coppolas Somewhere und war sofort angesteckt von der sommerlichen Lethargie des Filmes. Im Spätprogramm stolperte ich auch über Michael Manns Heat oder den damals rätselhaften, weil so fremdartigen Last Life in the Universe des thailändischen Regisseurs Pen-ek Ratanaruang. Über das Fernsehen habe ich die Filme von Alfred Hitchcock und andere Filmklassiker nachgeholt und mir so Stück um Stück (westliche) Filmgeschichte erschlossen (ein Aspekt cinephiler Entwicklung, der auf Plattformen wie Netflix, Prime oder Disney+ und ihrem spätestens bei 1980 endenden Filmangebot schlicht nicht möglich ist). Im Fernsehen begegnete ich auch das erste Mal Wong Kar-Wai und seinen melancholischen Nachstreiflern. Oder Jim Jarmusch und seinem Großstadt-Samurai. Die großen Monumentalschinken wie Ben Hur oder Troja vertrieben mir verregnete Sonntagnachmittage.
Fernsehen vs. Streaming
Das soll jetzt nicht die dritte Nostalgie-Tiefenebene eröffnen, im Sinne von ach, war das schön damals, aber der Blick zurück führt einem in aller Deutlichkeit vor, was die großen Streaming-Plattformen nicht bieten können: Filmgeschichte, Begegnungen mit dem Entfernten, dem Fremden, dem Obskuren. Stattdessen werden wir zu unseren eigenen Programmplanern und scrollen uns eine Stunde durch die Bibliotheken unserer Abonnements, ehe wir erschöpft auf dem Sofa einnicken. Die großen Streaming-Plattformen sind arm an filmischer Vielfalt. Echter Vielfalt, abseits von falscher Flipchart-Diversity. Für Filme aus Ländern jenseits des nordamerikanischen und europäischen Kontinents, aus längst vergangenen Dekaden, aus den buntesten, nieschigsten Genres muss man entweder auf Plattformen wie MUBI und Shudder oder Internetarchive wie YouTube und archive.org zurückgreifen oder den Weg über einen DVD- und BluRay-Importeur gehen.
Natürlich war das Fernsehen nicht der heilige Ort filmischer Vielfalt als den ich ihn vielleicht erinnern möchte. Aber, und ich schätze das ist alles, was ich sagen will: es gab da einen kleinen Raum für das Unerwartete, das Überraschende, das nicht Geplante – das Herausfordernde. Und es gab da eine Art parasoziale Gemeinschaft jener, die Abends das gleiche geschaut hatten und sich am folgenden Tag, auf dem Schulhof, in der Mensa, im Büro darüber unterhalten konnten. Und es gab da einen Raum für die unverhoffte Entdeckung – und die Wiederentdeckung.
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