Dorthin, wo ich hin will, fährt keine Bahn

Dorthin, wo ich hin will, fährt keine Bahn

Selten schafft es ein Album, eine so eigensinnig verführerische Atmosphäre zu erschaffen. Musik, die in ihrer dichten lyrischen Sprachkraft, ihres träumerisch-sphärischen Klangs, Räume zum Niemandsland öffnet. Wehmütig sich fort sehnend und doch schon irgendwie angekommen in einstimmender Harmonie. Das Debut-Album Über Nacht der zweiköpfigen Band Oehl ist eine Lobschrift wert.

Es ist gar nicht so leicht, deutschen Pop zu machen, ohne kitschig zu klingen. Noch schwieriger ist es, auch nur einen Hauch von Weltschmerz durch einen deutschen Musiktext zu transportieren, ohne dabei dramatisch oder pathetisch zu klingen. Alleine schon das Wort Weltschmerz, so schön es auch klingt, ist viel zu einfach und zu schnell ausgesprochen für das, was es bezeichnet. Schnell sind die hervorgerufenen Bilder zu konkret, als dass sie noch Platz ließen für die eigene Fantasie und die eigenen Wünsche. Oder sie sind, gegenteilig, so unbestimmt, dass die Musik jedes Wort übertönt und allerhöchstens noch der Klang der Worte nachhallt.

Ich kann nicht da stehen, wo ich stehe bisher
Ich kann nicht mehr schweben, wo ich schwebe bisher
Wir können nicht mehr fliegen, wie wir fliegen bisher
Ich kann nicht da stehen, wo ich stehe bisher

Oehl – Bisher

Die Worte sind weder ganz gesungen noch ganz gesprochen, sind von den Tönen getragen und doch tragen sie auch die Töne. Verklingt eine Strophe, so versiegen auch die Bilder, die ihr Text hervorgerufen hat. Und wenn eine Frage formuliert wird, dann spricht gefühlt auch der Takt die Frage mit aus. Eine derartige musikalische Poesie und poetische Musik ist selten. Und alles wirkt so zerbrechlich, so ausgewählt und vergänglich, wie wenn ein kleiner Stein ins Wasser fällt und sanft seine Wogen schlägt. Bis zu den Konsonanten fühlt sich die Sprache in den Wogen schlagenden Klangteppich der Musik hinein. Beinahe als hätte der noch unausgesprochene Text des Liedes ein heimliches Eigenleben, das zu Enthüllen nur mit größter Vorsicht und stiller Achtung erlaubt ist.

Wieviele Räume hat der Plan deines Baus?
Wird aus Papier oder aus Steinen gebaut?
Sag mir nur, hält er auch zwei von uns aus?

Oehl – Keramik

An Verborgenes, Verstecktes und Unsichtbares richten sich die Lieder. Unaussprechliches kommt darin zur Sprache. Als wäre alles Wesentliche, fern gedachte, doch greifbar nah, aber in Tücher gehüllt. Wie die verschleierten Liebenden bei René Magritte.

Auch erinnern die Worte an den Dichter Rainer Maria Rilke. Zumindest die Behutsamkeit, mit der sie gewählt und ausgesprochen, gesungen werden, ähneln Rilkes tiefem Respekt vor der Sprache, wo jedes Geplapper einer wohlüberlegten Aussprache weicht, die wie eine Frühlingsblume von Neuem aus einem vorangegangenen schweigsamen Winter erblüht.

Ob auch die Stunden uns wieder entfernen:
wir sind immer beisammen im Traum,
wie unter einem aufblühenden Baum.
Wir werden die Worte, die laut sind, verlernen
und von uns reden wie Sterne von Sternen,
alle lauten Worte verlernen:
wie unter einem aufblühenden Baum.

Rainer Maria Rilke

Hier geht mir auch die Sprache aus. Wer das paradoxe Gefühl von melancholischer Heiterkeit, sanftmütiger Schwere, wortkarger Bedeutsamkeit kennt und zu den endlich angekommen Sehnsüchtigen gehört, der wird die Musik von Oehl und das Niemandsland, das sie erschafft, lieben.

Wie der Tag dringst du heimlich
durchs Fenster in alle Orte
Gleich erkenn ich dich
gleich brauch ich neue Worte

Oehl – Tausend Formen

Titelbild © Cavadini

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