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Magazin für Filmkritik

Sei mein Zeuge – „Witness“ von Peter Weir

Harrison Ford auf dem Plakat zu Witness

Peter Weir gehört zu den großen, unbesungenen Filmemachern Hollywoods. Ich schätze dessen Sensibilität, in eigentlich konventionellen Stoffen immer auch nach menschlichen Idiosynkrasien Ausschau zu halten. Höhepunkt dieses Krimis um einen Jungen aus der Amischen-Community (Lukas Haas), der Zeuge eines Mordes wird und dadurch eine Verschwörung korrupter Bullen aufdeckt, ist in diesem Sinne auch nicht der eigentliche Krimi-Plot, den man für eine Zeit lang sogar fast vergisst, sondern die langsame Annäherung von Harrison Fords Detektivcharakter an das Leben im Amish-Dorf und die Mutter des Kindes (Kelly McGillis). Hier verliert sich Weir in der Darstellung des einfachen Landlebens, in Szenen von Zusammenarbeit und gemeinschaftlichem Halt, und er lädt uns dazu ein, uns mit ihm zu verlieren. Repräsentativ hierfür ist der triumphal inszenierte Bau einer Scheune, der die gesamte Dorfgemeinschaft an einem lauen Sommertag zusammenbringt. Gute alte Handarbeit zu anschwellenden Synthesizern, Kooperation und Gemeinschaft, gemeinsam auf etwas Größeres hinarbeiten – hier, jenseits der Großstadt und seiner atomatisierten Gesellschaft, scheint das noch möglich.*

In der aufkeimenden Romanze zwischen McGillis und Ford habe ich indes Seiten an Fords Spiel entdeckt, die ich bisher nicht kannte. Und mit Seiten meine ich Limitationen. Sie werden sichtbar, wenn Ford unbeschwert und leichtfüßig, ja verliebt spielen muss. Exemplarisch ist eine Tanzszene zwischen Ford und McGillis zu Sam Cookes Wonderful World. McGillis, die als Amish keine elektrischen Geräte und darum auch kein Radio benutzen darf, ist ganz hingerissen von der Musik und diesem Mann aus einer anderen Welt und gemeinsam teilen sie diesen kurzen Moment von Einigkeit und Verbindung in einer Community, die sich über die Abgrenzung zur Außenwelt definiert. Doch leider kaufe ich Ford diesen Moment nicht ab; das beherzte Lachen, der leichtfüßige Tanz, seine Verbindung zu McGillis. Überzeugender fällt er immer dann aus, wenn sein Begehren durch eine Aggression grundiert ist; wenn seine Avancen gar in die Übergriffigkeit kippen, die nur darum nicht als Übergriff erzählt werden, weil es sich eben um Harrison Ford handelt (siehe: Han Solo oder Rick Deckard). In einer späteren Kuss-Szene zwischen den beiden Figuren ist es genau diese eruptive Darstellung von Begehren, diese ambivalente Lust, die Ford erneut perfekt trifft.

Trotz der nicht ganz zündenden Romanze und der schwelgerischen, sicher auch verklärt-romantischen Schilderung des Amish-Lebens, vergisst Weir nicht, diese Krimigeschichte zu einem zufriedenstellenden Ende zu führen. Die Konfrontation zwischen den korrupten Bullen und Ford ist dabei alles andere als ein aufsehenerregender Shootout mit halbstarken Sprüchen unendlich Munition. Stattdessen gibt’s taktisches Abwarten und Männer, denen die Angst ins Gesicht geschrieben steht. Die Gegenspieler sind keine plumpen Bad Boys, die notfalls alles über den Haufen schießen, sondern habgierige Bullen, die plötzlich mit dem Rücken zur Wand stehen. Genial ist auch die Einbindung des Schauplatzes in die Konfrontation: Zuerst versucht Ford mit seinem Auto zu fliehen, das er in der Scheune geparkt hat, doch das Teil springt nicht an, also Planänderung, Ford flieht in die Kornkammer. Als Kind habe ich manchmal im Silo meines Onkels gespielt, die hier gezeigte Klaustrophobie ruft also Erinnerungen wach. Man will einfach nicht in einem Haufen Getreide versinken wie in Treibsand und elendig am Staub ersticken wie es einem der Handlanger hier passiert. Die letzte Szene greift den Filmtitel dann ganz direkt und klug auf und stellt dem Bösewatz eine Gemeinschaft von Zeugen gegenüber. Sie deeskalieren die Situation, pazifizieren den korrupten Bullen, indem sie seine Taten buchstäblich bezeugen.


*In der Szene gibt es auch einen jungen Viggo Mortensen in einer seiner ersten Kinorollen zu entdecken.

Header: © Paramount Pictures