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Magazin für Filmkritik

Seicht – „Die Herrlichkeit des Lebens“ von Georg Maas und Judith Kaufmann

Die Herrlichkeit des Lebens Strand Screenshot

Ein Film über Kafka! Sofort horche ich auf. Mich begeistert jeder Versuch, literarische, philosophische, historische Größen zu porträtieren. Dann auch noch in Spielfilmlänge und nicht irgendeine literarische Größe, sondern Franz Kafka! Seine Texte haben mich durch mein Studium begleitet und darüber hinaus. In den intensivsten Stunden des Lebens lohnt es sich am meisten, noch einmal in seine Texte zu schauen. Dann resoniert etwas im Inneren mit den doch eigentlich dem Feuer zugedachten Buchstaben. Kafka beauftragte nämlich seinen Freund und Herausgeber Max Brod damit, sein gesamtes Werk zu verbrennen. Was dieser nicht getan hat.

Die existenzielle Sinnlosigkeit, die Vergeblichkeit jedes Versuchs, irgendeine Bedeutung im eigenen Schaffen und Wirken zu finden, ist im Brandauftrag symbolisch verdichtet. Kafkas Texte selbst haben diese Wucht und Intensität des Sinnlosen und Vergeblichen in sich. Da kommt schnell auch der Wunsch auf, im Porträt des Literaten die Verzweiflung und das Absurde als Aura wiederzufinden. Was ja ein naiver Wunsch ist. Das Leben eines Autors und sein Werk sind verschieden. Und die Tiefe, die ein Text vermitteln kann, versandet im gelebten Leben an der Oberfläche unzähliger aneinandergereihter Alltagshandlungen. Handlungen, die weder poetisch sind noch sonst irgendein Gewicht haben. Aber diese nüchterne Realität kriegt auch ein Film nicht zu greifen. Ein Film macht aus ihnen Ästhetik, unweigerlich.

Die Ästhetik von „Die Herrlichkeit des Lebens“ ist – kein Wort beschreibt es zutreffender – seicht. Die Liebe wird als stille Freundschaft zweier zartfühlender Menschen gezeigt. Ohne große Gesten oder lautstarke Konflikte. Auch die herrschsüchtige Stimme von Kafkas berühmt gewordenen Vater ist gewissermaßen ruhiggestellt. Nur als ferne Stimme durch Telefone ist sie noch zu hören. Gegen Ende des Lebens wird Frieden geschlossen. Versöhnung ist das Stichwort. Im Programmkino will man noch einige Male am Rotweinglas nippen, während man dem unerschrocken dreinblickenden Franz beim würdevollen Ableben zuschaut. Passend dazu gibt es auch genügend Strandbilder. Die Erinnerung an die Leichtigkeit des letzten Urlaubs schiebt sich unter und die Assoziation zur grellen Sandlandschaft ist ein Nirvana, in dem alle Schmerzen getilgt sind. Eine schöne Fantasie. Das Kinoticket als Gutschein für eine gut verträgliche Menge Opium, oder heute vielleicht eher Oxycodon.

Bei Zeiten mag es guttun, sich mit schmerzlindernden Mitteln zu betäuben. Schnell vergisst man darüber aber vielleicht, dass sich hinter jedem seichten Gewässer in Wahrheit auch ein Sumpf verbergen kann.


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