Prosa: Spiegel

Prosa: Spiegel

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Vor ihm saß ein Mann und sprach zu seinem Spiegelbild. Er grinste verschwörerisch, murmelte Dinge, freute sich darüber. Das Spiegelbild grinste zurück, erwiderte die Rede, erfreute sich ebenfalls. An einer Station stand der Mann auf, verstummte und verschwand, wie alle anderen Passagiere mit ihm, im Menschenstrom der Stadt.

Er fragte sich, wie der Mann wohl lebte. Gut oder schlecht – funktionstüchtig? Seine Kleider waren keine Lumpen, sondern ganz kleidsame Stücke. Es schien ihm nicht zu mangeln in materieller Hinsicht, vielleicht an einem Kopf mit zwei Ohren, die lauschten und nickten und einfach da waren, während er seine Gedanken ausströmen ließ.

Er fragte sich, was er arbeitete und ob ihn diese Arbeit erfüllte mit anderem als Leere. Ob er vielleicht wunderbare Arbeit verrichtete, sodass die Gedanken in einen Korridor gerieten, alles andere verstummte und nur diese eine Tätigkeit übrig blieb. Sodass er erst nach Stunden der Arbeit realisierte, dass der Tag zur Nacht geworden war.

Ob das Spiegelbild ihm je widersprach? Wie der Schatten Peter Pans aufmüpfig entriss und nur mit Mühen wieder einzusacken wäre? Ob er je ging ohne „Auf Wiedersehen“ zu sagen? Hatte er ihn mit Nadel und Faden an seinen Fußsohlen fixiert, damit er sich nicht fortstehlen konnte? War er also ein Gefangener, eine Geisel, die sich das endlose Geschwätz anhören musste, ohne eine Chance auf Widerrede?

Als der Mann verschwunden war, setzte er sich auf dessen Platz und blickte in die Fensterscheibe. Regenströme hatten schmale Linien feinen Schmutzes auf ihr hinterlassen. Und dort erkannte er, dass der Mann nicht verrückt gewesen war, oder anderswie geistig umnachtet, denn er erblickte ebenfalls einen Mann, der ihn ratlos musterte.

Titelbild © Disney

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