Twist ad Absurdum – „DTF St. Louis“ von Steven Conrad

Der Twist von DTF St. Louis liegt darin, dass wir es hier mit guten Menschen zu tun haben. Gewissermaßen sind wir das ungleiche Detektivgespann – alter weißer Mann (Richard Jenkins) und junge schwarze Frau (Joy Sunday). Mit den beiden lernen wir über den Verlauf der sieben Episoden mehr über die drei Hauptfiguren, ihre komplizierten Gefühle füreinander und die Umstände eines Todes. Mit ihnen schauen wir dabei zu, wie sich ein zunächst glasklarer Fall mit zunehmender Laufzeit in den Ambivalenzen von echten Menschen auflöst. Schicht um Schicht. Dabei ist DTF unglaublich clever darin, zunächst das konventionelle Serienspiel von Twists und Cliffhangern mitzuspielen, nur um mit fortlaufender Dauer klar zu machen, dass es darum eigentlich nie ging. Ich konnte ungefähr ab der Hälfte erahnen, auf welche Auflösung der Todesfall zulaufen würde. Aber das war zu dem Zeitpunkt bereits völlig unerheblich.
Das ist keine Mystery-Serie. Nicht einmal ein richtiger Krimi. Sobald man kapiert, dass es hier nicht um durchtriebende Menschen geht und folglich auch nicht um die Frage, wer den herzensguten Teddybär Floyd (Dad-Vibes: David Harbour) getötet haben könnte, fühlt sich DTF wie eine Befreiung an. Eine Befreiung von erzählerischen Konventionen und damit auch vom konditionierten Rezeptionsmuster, in Menschen immer nach den versteckten Motiven zu suchen, das schlimmste zu erwarten. In diesen sensiblen, lächerlichen, ehrlichen Figuren drückt sich aber auch eine Befreiung von geschlechtlichen Rollenbildern aus; weckt das Bedürfnis auszubrechen aus dem, was vermeintlich erwartet wird. „No One’s Normal. It Just Looks That Way from Across the Street“, ist darum so etwas wie der motivische Leitsatz dieser Serie. Normalität nur ein Schutz- und Kampfbegriff für Deutungshoheit.
Niemand muss hier ermüdende Klischee-Routinen durchspielen; nicht das ungleiche Detektivgespann, das sich befremdet und doch professionell miteinander arrangiert; nicht der populäre Wetteransager (Jason Bateman), hinter dessen Popularität sich vermeintlich dunkle Abgründe abzeichnen; nicht die toughe MILF (Linda Cardenilli), die wütend ihre Joggingrunden zieht und Selbstoptimierungs-Podcasts hört („Could you speak up“), dann aber wieder ganz gerührt ist angesichts Floyds unerschütterlicher Gutmütigkeit. Niemand ist hier nur eine Sache. Jeder ist selbstkomplex, heißt voller Ambivalenzen, Schwächen und Stärken. Statt seine Figuren funktional zu vereinfachen, umarmt Conrad die Komplexität von Menschen und zieht daraus den dramaturgischen Motor für seine Geschichte. Es ist eben nicht so offensichtlich, wie es zunächst scheint. Aber nicht aus den Gründen, die man durch unzählige (True) Crime-Formate internalisiert hat. Das ist der große Twist: es gibt Menschen, die wirklich versuchen, gut zu sein. Die versuchen zuzuhören, mit ganzer Aufmerksamkeit da zu sein für andere. Die nicht nur an sich selbst denken.
“You’re not investigating a murder, Detective. You’re investigating a mid-life crisis with a body count.”
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