Verhinderter Kultfilm – „Sinners“ von Ryan Coogler

Hier steckt ein Kultfilm drin. Aber er wird erdrückt von zwei sich negierenden Erzählhaltungen (metaphorischer Hangout-Movie vs. ekstatisches Vampir-Musical) und zu seinem Kulminationspunkt (einer Belagerung) geradezu fahrlässig verschleppt. Erst deutet sich, nach einer kolossalen, Zeit-streckenden Musikmontage, ein spannender Standoff an, dann tritt Coogler plötzlich das Bremspedal durch. Es ist buchstäblich wie auf einer guten Party, bei der plötzlich Oma Erna den Raum betritt, das Deckenlicht einschaltet und alle Gäste schimpfend nach Hause schickt. Im grellen Licht treten dann all jene Hässlichkeiten zutage, die zuvor noch im Halbschatten und unter lauter Musik verborgen waren.
Viele potenzielle Opfer in diesem Kampf zwischen einem gruselig talentierten Iren (Jack O’Connell) mitsamt gruselig grinsender Entourage und einer schwarzen Bargemeinschaft rund um die Zwillinge Smoke und Stack (Michael B. Jordan in einer Doppelrolle) dürfen also unbeschadet den Heimweg antreten statt Teil dieser nächtlichen Belagerungssituation zu werden – sei es als Blutpakete, als Vampirjäger oder lediglich als Verhandlungsmasse. Aber die Situation soll offenbar übersichtlich bleiben und auf wenige, klar umrissene Figuren beschränkt, weil Coogler aus irgendwelchen, unerfindlichen Gründen auch noch ein Charakterdrama erzählen will.
Dann sind also die Verbliebenen drinnen und die anderen draußen und es passiert erst einmal eine ganze Weile nichts. Nichts ist zu spüren von der paranoid verseuchten Klaustrophobie eines The Hateful Eight oder eines The Thing, dem Coogler an einer Stelle sogar explizit seine Ehre erweist. Stattdessen wird diskutiert und es klopft hin und wieder an der Tür und jemand will hereingebeten werden und der ein oder andere verirrt sich nach draußen, wo er erwartungsgemäß weggeschnappt wird. Zwischendurch kommen dann immer wieder so grandiose, viszerale Musikmontagen, dass man sich wünscht, Coogler würde einfach loslassen und auch den letzten Schritt Richtung Musical wagen. Und statt einer einfallslosen Klopperei, mit viel Filmblut, Holzpflöcken und Bisswunden, würden sich die beiden Lager einfach zu einem Gesangsduell herausfordern.
Oh man, wäre das ein Fest geworden, der Teufel am Banjo haut einen raus (Tenacious D hat’s vorgemacht) und der Preacher Boy (Miles Caton) würde kontern, mit einer Nummer, in der all der Schmerz und das Leid und die Ungerechtigkeit der Jim-Crow-Zeit zu einer herzzerreißenden Melodie verdichtet ist. Dann wäre das hier ein reinrassiger Musikfilm geworden. Stattdessen wird eine Gruppe austauschbarer Ku-Klux-Klan-Mitglieder zusammengeschossen und die Vampire treten lebensmüde ins Sonnenlicht. Da ist der Film schon eine halbe Stunde über der Zeit, ehe eine tolle letzte Szene, die merkwürdigerweise Post-Credit platziert wurde, wieder daran erinnert, was hieraus hätte werden können.
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