„Dune“ – Große Bilder, kleine Menschen

„Dune“ – Große Bilder, kleine Menschen

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DUNE zu schauen ist wie durch Sand zu laufen: anstrengend und ermüdend. – Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, aber für den Einstieg gar nicht mal schlecht. DUNE hält auch seine beglückenden Momente bereit. Da sind zum Beispiel die Zeremonien, die die Politik der Welt detailreich zur Aufführung bringen, mit ihren ritualisierten Gesten, den steifen rhetorischen Formeln und den Uniformen, die immer auch Korsette sind. Da sind die geheimen Zeichensprachen und überhaupt die Sprachen dieser Welt mit ihren Doppel- und Dreifachbezeichnungen für die gleiche Sache. Und da sind die filigranen maschinellen Apparaturen, die Technologien und Dinge dieser Welt. All das liebe ich. Die Welt von DUNE beglückt durch seinen Detailgrad und die Beiläufigkeit ihrer Einführung. Die Darstellung der (materiellen) Kultur, die diese Welt lebendig und organisch macht, steht zugleich in einem Spannungsverhältnis zu den brutalistischen Monumentalbauten, die die Bilder dieses Filmes beherrschen.

Der kleine Mensch

Hier ist die Imagination von Villeneuve vor allem groß (also ganz im Wortsinne GROSS): Menschen wirken klein in Relation zu den Objekten und Räumen, die sie erschaffen haben, wirken klein in den ewigen Wüstenlandschaften, die sie durchschreiten oder den leeren Thronsälen und herrschaftlichen Gemächern, die sie besetzen – das macht Sinn, zeigt es doch visuell an, wie fragil die Macht ist, die diese Menschen in den Händen halten und wie undurchsichtig und komplex sie ihrer Natur nach ist. Die Bedingungen, die ihre Macht garantieren, können die Figuren folglich selbst kaum beeinflussen, darum ist auch der Plot (im wahrsten englischen Wortsinne) um eine politische Verschwörung nur konsequent.

Die Menschen in DUNE wirken hilflos und allein in den Weiten der Architekturen, die sie ersonnen und erschaffen haben, sie wirken ohnmächtig in den machtpolitischen Strukturen, von denen sie mehr beherrscht werden als sie diese zu beherrschen imstande sind. Visuelles Konzept und thematische Motive scheinen in dieser Hinsicht also wunderbar miteinander zu korrespondieren. Auch die Gesichter der Schauspieler (Rebecca Ferguson, Timothée Chalamet) spiegeln diese Konflikte glaubhaft wider und sind trotz ihrer Anordnung in einem komplizierten Macht- und Intrigengeflecht nicht bloße Schachfiguren – dass sie bisweilen dennoch fast zu verschwinden drohen, hängt aus meiner Sicht mit der fehlgeleiteten Inszenierung zusammen.

Der epische Augenblick

Villeneuve inszeniert den Film als einen großen, übergangslosen epischen Augenblick, in dem alles – vom Blick, den sich zwei Figuren zuwerfen bis zu den gigantischen Raumschiff-Flotten – durchweg mit der maximalen Bedeutung aufgeladen werden soll. Fast ununterbrochen ballert (und dudelt!) der Score und wummert die Tonspur und manchmal droht der Film fast zu erstarren in seiner eigenen Gleichförmigkeit. Der Film schlägt dramaturgisch keine großen Wellen, weil er selbst als eine große Welle inszeniert ist. Doch diese Welle baut sich nur auf! Sie fällt nicht. Das Resultat ist eine Art invertierte tonale Flatline. Darum artikulierte sich meine Seherfahrung auch in einer beständigen Wartehaltung – Warten auf das große Moment, den Kulminationspunkt all der Blicke und wummernden Bässe. Doch dieser Moment kommt nicht, kann nicht kommen, weil er beständig angefordert wird.

Das mag auch mit der Aufteilung der Buchvorlage von Frank Herbert zusammenhängen, wobei ich eher vermute, dass es mit einem generellen Inszenierungstrend zusammenhängt, der sich beispielsweise auch bei Zack Snyder beobachten lässt (Film verstanden als ein nicht enden wollender epischer Höhepunkt). Ganz konkret streckt sich DUNE in den ewigen Visionen der Hauptfigur Paul Atreides (Timothée Chalamet), der in seinen Träumen immer wieder einem mysteriösen Fremen-Mädchen (Zendaya) begegnet. Die Inszenierung von Visionen und Erinnerungen als unscharfe, nah gefilmte Bildfragmente gehört zu den großen Konventionen modernen, durch-psychologisierten Erzählkinos und Villeneuve wiederholt sie so lange, bis ihre Integration fast schon parodistische Züge annimmt. Die Zeit streckt sich bei DUNE, aber sie zieht sich kaum zusammen. Umhänge flattern episch im Wind, Blicke verweilen, Monumente stehen da, in Ewigkeit erstarrt, aber DUNE selbst droht bei aller bedeutungsschwangeren Geste selbst zu erstarren.

Unter’m Strich

Aber so ist es nun mal: der Film ist gedreht und geschnitten, meine Gedanken ändern daran auch nichts mehr. Wie lässt sich also auf einer positiven Note enden? Ich musste viel über den Film nachdenken und seine Bilder flackerten immer wieder in mir auf. Ich mag die Welt, die Selbstverständlichkeit, mit der die Figuren darin agieren (in den sozialen Strukturen, im Umgang mit der Technologie und den kulturellen Artefakten) und ich mag es, dass Villeneuve Zuschauern ohne Vorwissen durchaus zutraut, sich in dieser Welt ohne andauernde Erklärungen zurechtzufinden (auch wenn ich denke, dass es dem Film finanziell eher schaden wird). Trotz aller Mängel, trotz der aus meiner Sicht fehlgeleiteten Inszenierungsidee, will ich darum dringend sehen, wie es weitergeht.

Und ich will, dass der Dudelsack ein Comeback feiert!

© Warner Bros.

A great man doesn’t seek to lead, he is called to it. But if your answer is no, you’d still be the only thing I ever needed you to be: my son.

Duke Leto Atreides

Beitragsbild © Warner Bros.

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